Das Cursor-Problem
Kennst du das? Du hast dir vorgenommen: „Heute schreibe ich den Blogartikel.“ Du öffnest dein Schreibprogramm. Der Cursor blinkt. Er blinkt vorwurfsvoll. Zehn Minuten später checkst du E-Mails. Eine Stunde später denkst du:
„Ach, ich frag’ mal ChatGPT.“ Dein Prompt: „Schreibe einen Artikel über Zeitmanagement für Coaches.“
Was du zurückbekommst, ist solide. Es ist oberflächlich glatt, auf den ersten Blick oft fehlerfrei. Und es ist so langweilig, dass dir beim Lesen selbst die Füße einschlafen. Es ist das, was ich „textlichen Dämmstoff“ nenne.
Viele Coaches geben an diesem Punkt auf und sagen: „Siehst du, KI taugt nichts für meine Themen.“ Oder „Mein Thema ist halt zu speziell.“ Doch das Problem ist nicht die KI. Das Problem ist, dass du versucht hast, sie als Architekt zu nutzen, obwohl sie eigentlich der Handwerker ist. Oder anders formuliert: Du bist der Chef. Die KI ist der Praktikant.
In meinem Grundlagen-Artikel über das Cyborg-Marketing habe ich die 10-80-10-Regel vorgestellt. Heute zeige ich dir exakt, wie diese 10-80-10-Regel in der Praxis aussieht, wenn du einen Beitrag schreiben willst. Ich öffne also meinen Bildschirm für dich. Hier ist mein Workflow.
Phase 1: Die ersten 10 % (Der Chef)
Bevor ich irgendein KI-Tool öffne, muss ich meine grauen Zellen fordern. Das ist der harte Teil. Aber unerlässlich. Wenn ich nicht weiß, was ich will, wie ich klinge, für wen ich schreibe und was meine Intention ist – woher soll es die KI wissen (also der Praktikant)?
Die KI kann nicht wissen, was ich fühle oder welche spezifische Erfahrung ich gestern mit einem Klienten oder einem Tool gemacht habe. Sie ist ein statistisches Modell, kein fühlendes Wesen. Ich nehme mir also ein wenig Zeit und beantworte mir drei Fragen:
- Mein Thema + meine These: Was ist meine Meinung? (Nicht: „Zeitmanagement ist wichtig.“ Sondern: „Warum die Pomodoro-Technik bei kreativen Chaoten versagt.“)
- Der Empfänger: Wen will ich treffen? (Nicht: „Alle.“ Sondern: „Die Führungskraft, die sich abends schlecht fühlt, weil ihre To-do-Liste noch voll ist“).
- Das Ziel-Gefühl: Soll der Leser am Ende erleichtert sein? Motiviert? Neugierig? Sich angesprochen fühlen?
Erst wenn ich diese Leitplanken habe, darf ich die KI füttern. Und mit Füttern meine ich nicht nur, die Infos weiterzugeben, sondern meine Intention in klaren, strukturierten Anweisungen zu formulieren.

Phase 2: Die mittleren 80 % (Der Paktikant)
Jetzt – und erst jetzt – öffne ich ChatGPT (oder Claude/Gemini, was auch immer du nutzt).
Und das Briefing könnte so aussehen: „Ich möchte einen Blogartikel für meine Zielgruppe [Zielgruppe einfügen] schreiben. Meine zentrale These ist: [Deine These aus Phase 1]. Der Tonfall soll [Adjektive, z.B. pragmatisch, ehrlich, humorvoll] sein, nicht werblich. Bitte erstelle mir erst einmal eine Gliederung für diesen Artikel. Wichtig: Vermeide generische Ratschläge und geh mehr in die Tiefe.“
Tipp: Meine KI ist, was Tonalität und Stil angeht, bereits auf mich gebrieft und ich muss mich nicht immer wiederholen. Und ich gehe Schrittweise vor. Ich lasse sie erst die Gliederung bauen. Dann korrigiere ich die Gliederung („Streich Punkt 3, der ist Quatsch. Nimm dafür Punkt 5 nach oben“). Und erst wenn die Struktur steht, sage ich: „Okay, schreib jetzt den ersten Entwurf basierend auf dieser Gliederung.“
Jetzt darf die KI (der Praktikant) sich austoben. Er erstellt Gliederungen, erste Entwürfe und findet Formulierungen. Hier sparen wir Zeit, und hier entsteht Masse. Damit können wir dann arbeiten.

Phase 3: Die letzten 10 % (Der Veredler)
Der Text, den die KI jetzt ausspuckt, ist dein Rohmaterial. Würdest du ihn jetzt so veröffentlichen – dein Content wäre im besten Fall durchschnittlich. Hier kannst du den Unterschied machen und die KI-Rohmasse zu deinem Text formen.
Ich packe mir den Text in ein Dokument und lese ihn. Erste Runde – ich korrigiere, was mir so ins Auge fällt. Ich verbessere, streiche Passagen, formuliere um, ändere Beispiele, füge hinzu. Wenn ich zufrieden bin und den Text in WordPress packe, lese ich noch einmal, finde meist noch Rechtschreibfehler oder Leerzeichen – und manchmal ändere ich dann auch nochmals inhaltliche Punkte. Manchmal geht der Prozess sehr schnell. Manchmal aber auch nicht. Dann braucht es halt mehrere Runden.
Das Ergebnis jedoch kann sich sehen lassen: Die Arbeit wurde bis zu 80 % von der Maschine erledigt, aber der Text fühlt sich zu 100 % nach mir an. Das Paradoxe ist: Wenn ich die Fleißarbeit abgebe, bleibt mehr Zeit und Energie für diese letzten 10 % Menschlichkeit.
Fazit: Probier es aus
Du kannst bei der Erstellung von Content massiv Zeit sparen. Aber sei der Chef (und das Brain).
Und wie bei allem im Leben gilt auch hier: Probieren geht über Studieren. Mit welcher KI kommst du am besten klar? Mit welcher Version liefert sie die besten Ergebnisse? Wie muss dein Onboarding – also dein Prompt – aussehen, damit du bestmögliche Vorlagen von der KI erhältst?
(Hast du diesen Workflow ausprobiert? Schreib mir, wo du gestolpert bist. Ich antworte wirklich.) kontakt@sabinekraus.com
Und vielleicht noch eine Bemerkung: Du bist Coach oder Berater – und kein Autor. Deine Kernkompetenz liegt nicht in der Texterstellung. Wenn du die Texte deiner Website/Blogs/Social Media oder was auch immer selbst schreiben willst, ist der oben genannte Workflow ein guter Weg. Solltest du überhaupt keine Lust, Zeit oder auch Begabung fürs Texten haben, beschäftige einen Ghostwriter. Aber auch der braucht – um dir guten Content zu liefern, gutes Rohmaterial und ein vernünftiges Briefing.


